Unternehmen / Köpfe
Rita Brodmann spricht offen darüber, dass sie eine Nachfolge für ihr Geschäft sucht. (Bild: mos)
19. Mai 2026

Sie geht ihre Nachfolge offen an

Nach 20 Jahren im Geschäft sucht Rita Brodmann eine Nachfolge für ihre Papeterie in Burgdorf. Findet sie bis Ende Jahr keine Lösung, wird sie ihr Geschäft wahrscheinlich schliessen.

Wer die Papeterie Brodmann im bernischen Burgdorf zum ersten Mal betritt, dem entfährt ein leises «Wow». Das denkmalgeschützte Gebäude aus den 1920ern war früher ein Theater und ein Kino. Nach Popcorn riecht es zwar nicht mehr, aber das Kinoflair ist immer noch spürbar. «Kleines Theater» und «Cinema Palace» prangt in goldenen Lettern an der Fassade. Der Originalvorhang hängt, als wäre die letzte Vorstellung erst gerade vorbei. Auf der Bühne steht ein Kopierapparat. Stuckaturen an Wänden und der Decke des hohen Saals versprühen Retro-Charme. Und auf dem einstigen Zuschauerbalkon hat Inhaberin Rita Brodmann rund 400 verschiedene Schirme in Szene gesetzt – «die grösste Schirmauswahl der Schweiz», sagt sie stolz.

Vor 20 Jahren eingestiegen

Rita Brodmann ist ein Energiebündel und eine Quereinsteigerin in der Branche. Sie lernte Primarlehrerin und wurde mit 24 Jahren Verlegerin der Aemme-Zytig. Später übernahm sie die Papeterie ihrer Eltern und zügelte das Geschäft ins heutige Gebäude. Mit viel Herzblut und hochgekrempelten Ärmeln funktionierte sie das Kino zur charmanten Papeterie samt Schirmgeschäft um.

«Wir sind in der Region gut verankert, man kennt die Papeterie Brodmann seit bald 50 Jahren», sagt Rita Brodmann. Für die Schirme kämen die Leute sogar von weit her ins Geschäft. Neben Schweizer Fabrikaten verkauft Brodmann auch extravagante Schirme aus Italien, etwa mit Swarovsky-Steinen oder einem versilberten Löwenknopf als Knauf.

Das Team um Rita Brodmann ist sehr aktiv. Jedes Jahr verkleiden sich die Mitarbeiterinnen, wenn die Erstklässler ihren ersten Schulsack auswählen. Für die Jugendlichen wurde auch schon einmal der Vorplatz mit Palmen und Pool zur Beach Party umgestaltet. Im Winter wurden eine Schneebar und Schneemänner und -frauen gebaut. Kürzlich hat das Team mit Kundinnen grosse Papierblumen gebastelt, die das Geschäft schmücken. Ende 2023 führte die Papeterie Brodmann elektronische Preisschilder ein, als erste Papeterie der Schweiz. Und vor zwei Jahren eröffnete Rita Brodmann eine Pop-up-Filiale in Worb, «mit sehr viel mehr Platz als in Burgdorf». Nach einem halben Jahr beendete sie das Experiment wieder. «Zu wenig Umsatz.»

Nachfolge bis Ende Jahr gesucht

Jetzt steht auch in Burgdorf eine Veränderung an. Rita Brodmann will ihr Geschäft an eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger übergeben. Mit 59 Jahren sei sie an einem Punkt angelangt, an dem sie sage: «Für mich ist es jetzt gut. Ich möchte und muss nicht bis zur Pensionierung weiter machen.» Von ihren sechs Angestellten wolle leider keine das Geschäft übernehmen, sagt Rita Brodmann. Deshalb macht sie etwas, was in der Papeteriebranche eher unüblich ist: Sie kommuniziert öffentlich, dass sie eine Nachfolge sucht.

«Viele Papeterien gehen einfach still und heimlich zu», beobachtet Brodmann, die den Verband Bernischer Papeterie-Fachgeschäfte präsidiert. Das sei schade. Würden Papeterien in solchen Situationen offensiver kommunizieren, ergäbe das Chancen für junge Papeteristinnen und Papeteristen. Oder bestehende Papeterien könnten zum Beispiel mehrere Geschäfte übernehmen und so Einkauf und IT bündeln.

Rita Brodmann hat in der Lokalzeitung ein Inserat geschaltet, um eine Nachfolge zu suchen. Sie hat mit ihren Verbandskollegen darüber gesprochen, bislang ohne konkretes Ergebnis. Auch eine Übernahme durch eine Kette sondiert Brodmann. Ewig warten will sie allerdings nicht. «Spätestens Ende Jahr will ich eine Nachfolgelösung haben.» Und sonst? «Müsste ich konsequenterweise das Geschäft schliessen», sagt sie und fügt hinzu: «Man muss ein Geschäft auch schliessen können, und zwar rechtzeitig.»

900'000 Franken Umsatz

Noch hofft Rita Brodmann, eine Lösung zu finden, auch um ihren Angestellten eine Perspektive bieten zu können. «Vielleicht bewirkt ja dieser Artikel etwas», sagt sie.  Im Kern soll das Geschäft eine Papeterie bleiben, ansonsten habe eine mögliche Nachfolge freie Hand, erklärt sie. Der Name Brodmann dürfe, ja solle verschwinden. Auch das Schirmgeschäft müsse nicht weitergeführt werden.

Über 900'000 Franken erwirtschaftete das Geschäft in Burgdorf, das in Bahnhofsnähe gelegen ist und drei Kundenparkplätze hat, letztes Jahr.  Brodmann verhehlt aber nicht, dass der Umsatz mit dem klassischen Bürobedarf rückläufig sei. «Meine Nachfolge müsste also sicher das Sortiment anpassen», sagt sie.

Und wie geht es mit Rita Brodmann weiter nach dem Abschied vom Papeteriegeschäft? «Das weiss ich noch nicht, das ist ja erst in einem halben Jahr, bis dann kann noch viel passieren», lacht Rita Brodmann. Sie sei sehr spontan, fix sei nichts. Ausser eines. «Ich werde nicht nichts tun. Ich habe Lust, noch etwas Neues anzupacken.»

Kontakt: rita[at]ritasschirmwelt.chhttps://www.papeterie-brodmann.ch/

 

Stephan Moser
Bühne, Vorhang, Säulen und Stuckatur: Vom ehemaligen Zuschauerbalkon aus sieht man schön, dass die Papeterie früher ein Theater und Kino war. (Bild: mos)
400 Schirmmodelle sind in Ritas Schirmwelt ausgestellt. Rita Brodmann (l.) mit ihren Angestellten Sandra und Salome. (Bild: mos)
Das Geschäft liegt nur zwei Gehminuten vom Bahnhof Burgdorf entfernt. (Bild: mos)
Rita und ihr Team haben immer wieder spontan Ideen umgesetzt, zum Beispiel Schneemänner und -frauen vor dem Geschäft. (Bild: zVg)
Oder ein Zirkuszelt auf dem Vorplatz. (Bild: zVg)
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