Spiel
09. Februar 2026

«China-Ware ist nicht gleich China-Ware!»

«Nur, weil ein Spielzeug auf Temu gleich aussieht wie ein Markenartikel im Schweizer Handel heisst das noch lange nicht, dass das Gleiche drin ist», Sandro Küng von der Geschäftsstelle des Spielwaren-Verbandes der Schweiz (SVS) im Interview.
Sandro Küng von der SVS-Geschäftsstelle. (Bild: zVg)

Sandro Küng, was ist eigentlich das Problem mit chinesischen Shopping-Plattformen wie Temu, Shein, Aliexpress oder Wish?

Das ist ein sehr komplexes Thema und ich versuche mich auf die Kernprobleme zu beschränken. Ich durfte 2019 das erste Mal Spielwaren von solchen Plattformen für den SVS testen lassen, damals von Aliexpress und Wish, Temu gab es noch nicht. 2019 überschritten sieben von zehn getesteten Spielwaren die Grenzwerte für Schadstoffe, sechs davon massiv. 2023 ist Temu in den Schweizer Markt eingetreten, so haben wir erneut getestet. Von 18 bei Temu und Shein bestellten Spielsachen hätten 15 nicht der Spielzeugverordnung entsprochen...

...warum hätte?

Weil Einkäufe auf ausländischen Onlineshops nach Schweizer Recht Privatimporte sind. Daher müssen sie sich nicht an Schweizer Gesetze halten. Gegen diese schreiende Ungerechtigkeit kämpfen wir seit sieben Jahren. 

Was hat der SVS in dieser Zeit erreicht?

Einiges und doch immer noch zuwenig. Wir fordern seit sieben Jahren Fairplay und wir gewannen viele Mitstreiter, diverse Verbände, Stiftungen und Unternehmen. Immerhin sind Temu & Co. seit 2025 aufgrund der Plattform-Besteuerung MWST-pflichtig. Doch uns fehlt noch immer die Transparenz, ob Temu und Shein die Steuer auch wirklich zahlen. Zudem ist das Bundesamt für Zoll- und Grenzschutz, das wir regelmässig zu unseren jährlichen Round Tables einladen, aktiver geworden mit Kontrollen. Zumindest dort, wo es eine gesetzliche Grundlage gibt wie bei Imitationswaffen oder Markenrechtsverletzung. Und wir haben mit unseren Medienkampagnen eine Reichweite von 3,5 Millionen erreicht.

Viele sagen, «im Schweizer Handel ist doch auch vieles aus China, das ist doch dasselbe.» 

Nein, es ist eben nicht dasselbe. Es stimmt zwar, dass ein grosser Teil der weltweit verkauften Spielwaren in China produziert wird. Auch jene, die später ganz legal im Schweizer Handel landen. Entscheidend ist aber nicht das Produktionsland, sondern ob die Produkte die Schweizer Vorschriften erfüllen und kontrolliert werden. Schweizer Importeure arbeiten mit überprüften Lieferanten, verlangen Prüfberichte, halten die Spielzeugverordnung ein und werden von den Behörden überwacht. Bei Temu, Shein und Aliexpress fehlt diese Kette. Spielwaren von Temu & Co. kommen völlig unreguliert in die Schweiz, mit dem Segen des Bundesrates.

Viele Konsumentinnen und Konsumenten haben das Gefühl, der Schweizer Handel wolle einfach seine «fette Marge» schützen und sei darum gegen Temu. 

Dieses Bild ist weit verbreitet und trifft die Realität nicht. Die Verkaufspreise im Schweizer Handel wirken im Vergleich zu Dumpingpreisen aus Fernost hoch, weil hier sehr viel mehr Kosten und Verantwortung drinstecken. Ein Schweizer Händler bezahlt nicht nur Ware und Transport, sondern auch unabhängige Produkttests, Konformitätsabklärungen, Lagerhaltung, qualifiziertes Personal, Produkthaftung und er trägt das finanzielle Risiko von allfälligen Rückrufen. Diese Aufwände sind gesetzlich nötig, damit Spielzeug in der Schweiz sicher ist. 

Manche Kunden sagen: «Mein Kind spielt mit Temu-Spielzeug, und bisher ist noch nie etwas passiert.» Ist die Sorge nicht übertrieben?

Dass bisher nichts passiert ist, bedeutet leider nicht, dass kein Risiko besteht. Vieles zeigt sich nicht sofort. Typische Beispiele sind kleine, sich lösende Teile, die verschluckt werden können, mangelhafte Batteriefächer oder scharfe Kanten. Hinzu kommen chemische Risiken durch massiv überhöhte Gehalte an Schwermetallen, Weichmachern oder anderen Schadstoffen, die in diversen Tests gefunden wurden. Ich habe neben unseren eigenen Tests Dutzende weitere Testergebnisse gesehen zeigen allesamt dasselbe Bild. 70 bis 90 Prozent der Produkte von chinesischen Shopping-Apps sind mangelhaft, sprich: stellen eine Gefahr dar für Kinder.

Wie viele Zwischenfälle gibt es denn wirklich?

Das ist eine Blackbox. Bei unreguliert täglich Hunderttausenden in unser Land gelieferten kritischen Konsumgütern weiss niemand, welchen Schaden diese verursachen. Ich habe mal bei Kinderärzten und Kinderspitälern nachgefragt. Es gibt deutlich mehr Unfälle mit Knopfbatterien. Bei den oben erwähnten Schadstoffen, die krebserregend sind, sind das schleichende Prozesse. Darum prüfen wir derzeit, zusammen mit dem Handelsverband und Pädiatrie Schweiz ein Meldesystem aufzubauen. Denn niemand überwacht diesen Schattenmarkt.

Wie erklärt man jemandem, der sagt: «Der Schweizer Händler ist doch nur ein teurer Mittelsmann, ich bestelle lieber direkt beim Billiganbieter»?

Schweizer Händler sind alles andere als bloss Mittelsleute. Sie sind diejenigen, die Verantwortung tragen, dass Produkte sicher und gesetzeskonform sind. Dazu gehört, dass Lieferanten ausgewählt und auditiert werden, Prüfberichte eingeholt, Warnhinweise korrekt übersetzt, Dokumentationen geführt und im Zweifel zusätzliche Tests veranlasst werden. Wenn etwas schief läuft, sind es die Schweizer Händler, die Rückrufe organisieren, Kundinnen informiert und bei Schäden haften. Bestellt jemand direkt auf einer Plattform im Ausland, entfällt diese Schutzschicht vollständig. Es gibt niemanden vor Ort, der haftet, berät oder korrigiert. 

In den Medien liest man immer wieder, die EU gehe härter gegen gefährliche Online-Plattformen vor als die Schweiz. Was bedeutet das für uns?

Die EU hat in den letzten Jahren ihre Regeln für Online-Marktplätze deutlich verschärft. Grosse Plattformen unterliegen dem Digital Services Act, die Marktaufsicht kann intervenieren, und es gibt klare Pflichten für die Nachverfolgbarkeit von Händlern und Produkten. Die Schweiz kennt solche spezifischen Regelungen bisher nur eingeschränkt. Das führt dazu, dass gefährliche oder nicht konforme Spielwaren leichter direkt an Schweizer Konsumenten geliefert werden können, ohne dass wir vergleichbare Hebel hätten wie die EU. Zudem plant die EU weitere Massnahmen wie die Abschaffung der Freigrenze sowie ein Zuschlag von drei Euro je Paket.

Warum bewegt sich die Schweizer Politik bezüglich Temu kaum vom Fleck? 

Dazu kann ich nur mutmassen. Ich sage es mal so: Der zuständige Bundesrat, Wirtschaftsminister Guy Parmelin, verhandelt seit einiger Zeit mit China das Freihandelsabkommen nach. Seit sieben Jahren spreche ich regelmässig mit Politikern, Bundesämtern, Seco, Verbänden, Konsumentenorganisationen, Medienvertretern. Alle sehen ein, dass dies kein haltbarer Zustand ist. Am letzten Round Table im Oktober beim Seco in Bern haben wir gemeinsam mit dem Handelsverband ganz konkrete, einfache Lösungen präsentiert. Man muss die bestehenden Gesetze nur ergänzen und Plattformen wie Temu zu «Inverkehrbringer» erklären. Doch von oben wird blockiert.

Es gibt doch diverse Vorstösse dazu aus dem Parlament?

Es haben schon Parlamentarier von ganz links bis ganz rechts politische Vorstösse eingereicht, die der Bundesrat meist mit «wir beobachten die Situation» oder «wir prüfen noch» beantwortet hat. Derzeit sind fünf Motionen noch nicht behandelt, teils seit eineinhalb Jahren. Deshalb haben wir mit zehn weiteren Verbänden Ende Janaur einen Brief an den Nationalratspräsidenten geschickt (haptik.ch berichtete). Im März nehmen ich und SVS-Präsident Hans-Christian von der Crone an einer Panel-Diskussion zum Thema teil und wenn nötig, werden wir dieses Jahr eine dritte Test-Serie durchführen. Wir sind nicht gegen Wettbewerb mit Temu. Aber wir fordern Fairplay. Es müssen wie beim Spielen für alle die gleichen Regeln gelten!

Dieses Interview wurde mit freundlicher Genehmigung des SVS aus dem aktuellen SVS-Newsletter übernommen.

 

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